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Do, 29.07.2010

Der schmale Grat zwischen katastrophalem Journalismus und seriöser Katastophenberichterstattung – Was kann, darf, soll berichtet werden und was nicht?  

Zur Katastrophe bei der Loveparade in Duisburg, bei der es zahlreiche Tote und Verletzte gab, gibt es viele Berichte und Kommentare in diversen Medien. Dies hier soll kein weiterer Beitrag dazu werden (zumal ich gar nicht vor Ort war und andere das sicherlich besser können), sondern sich vielmehr damit beschäftigen, was im Rahmen derartiger Berichterstattung vorkommen darf und was nicht.
Auslöser war die Diskussion zur Sendung von Spiegel TV, die diverse Ereignisse von der Planung über die eigentliche Katastrophe im Tunnel bis hin zur Abreise der Besucher umfasst, unter anderem wird auch die medizinische Versorgung einschließlich von Wiederbelebungsversuchen Verletzter gezeigt, wobei letztere anonymisiert worden waren.

Während einerseits unter anderem auf Twitter der Bericht an sich von vielen gelobt wurde (wie ich finde, durchaus zu Recht, da zahlreiche interessante Aspekte rund um den Ablauf eines derartigen Ereignisses dargestellt wurden), wurde auch kritisiert, dass die notfallmedizinischen Maßnahmen nicht so explizit hätten gezeigt werden dürfen.
Hier beginnt nun eine Grauzone, die ich schwierig zu beurteilen finde, schon für mich selbst, erst recht objektiv und allgemeingültig.

Die meisten dürften sich über einen gewissen Bereich, den man nicht unterschreiten sollte (nicht einmal zu erwähnen, dass es Tote und/oder die Notwendigkeit von Wiederbelebungsversuchen gab, dürfte den journalistischen Ansprüchen nicht gerecht werden), aber eben auch nicht überschreiten sollte (spätestens Bilder von Leichen dürften nicht nur gegen das, was die überwiegende Mehrheit der Medienkonsumenten für akzeptabel halten, verstoßen, sondern auch gegen die Empfehlungen des Deutschen Presserats; auch die Nennung von Namen oder das Abbilden nicht unkenntlich gemachter Opfer dürfte diese Grenzen überschreiten). Von den „meisten“ schreibe ich übrigens, weil ich hoffe, dass in der Tat eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung dieser Ansicht ist, auch wenn es Massenmedien gibt, die regelmäßig gegen derartige Ansichten verstoßen – wie auch in diesem Fall mal wieder die BILD-Zeitung – und das vermutlich nicht so häufig tun würden, wenn es gar keinen Markt dafür gäbe…
Was man zwischen diesen Grenzen für angemessen hält, ist vermutlich je nach Situation, Betrachter etc. unterschiedlich — einerseits sollte ein Bericht auch die Stimmung des Geschehens und nicht nur nüchterne Zahlen vermitteln (dürfen), hier fand ich im oben genannten „Spiegel TV“-Beitrag auch die recht groteske Gesamtsituation bemerkenswert:  während der Interviews mit erschütternden Leuten zogen im Hintergrund feiernde Loveparade-Besucher vorbei, an anderer Stelle kümmerte sich medizinisches Personal um die Verletzten, was von Amateuren per Handy gefilmt wurde, und in unmittelbarer Umgebung war die eigentliche Loveparade noch in vollem Gange, da der Krisenstab beschlossen hatte, nicht noch weitere Unglücke durch einen Abbruch und dadurch verursachte strömende Menschenmassen zu provozieren.
Ich weiß nicht, ob man diese Situation ohne Bilder gleich gut hätte vermitteln können, halte aber das Ausnutzen der Möglichkeiten eines Mediums wie Fernsehen an sich nicht für verwerflich.

Der Deutsche Presserat hat einen Kodex herausgegeben, der Richtlinien für seriöse Berichterstattung festlegen soll (hier der komplette Text als PDF zum Herunterladen), aber natürlich auch nicht auf jede erdenkliche Situation eingehen kann. Daher ist es wohl eher eine Frage der Interpretation, ob die besagten Bilder nun einen Verstoß gegen diese Vorgaben darstellt oder nicht.
Ziffer 8 des Kodex geht auf den Schutz der Privatsphäre von Menschen, unter anderem auch insbesondere von Unfallopfern (Absatz 2) ein, fordert dabei aber – bezüglich im Kontext der Loveparade-Berichterstattung relevanter Kriterien –  im wesentlichen nur die Anonymisierung, die hier nach meinem Dafürhalten gegeben war. Weiterhin ist Ziffer 11 relevant, in der der Verzicht auf „eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“ festgeschrieben wird, worunter unter anderem die Herabwürdigung „zum Objekt, zu einem bloßen Mittel“, der Bericht „über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise“ (Absatz 1) verstanden sowie „Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen“ gefordert wird.
Ich halte das Zeigen von Wiederbelebungsmaßnahmen für keinen Verstoß gegen einen der genannten Punkte, sehe diesbezüglich aber durchaus einen gewissen Interpretationsspielraum.

Natürlich hätte man bestimmte Szenen auch nicht zeigen, sondern nur erwähnen können, aber wäre das wirklich besser gewesen? An den schrecklichen Ereignissen hätte es natürlich nichts geändert, dem natürlich gebotenen Schutz der Privatsphäre der Opfer wurde hier (zumindest meiner Ansicht nach) durch die Anonymisierung genüge getan und die Szenen an sich sieht man vermutlich in extremerer Form in diversen Krankenhausserien im Vorabendprogramm.
Weiterhin stellt sich die Frage, ob eine Beschreibung diverser Ereignisse wirklich besser (inwiefern – schonender für die Beteiligten, den Zuschauer, …?) wäre? Als Beispiel möchte ich hier den Bericht von Julia anführen, die sich ebenfalls inmitten der fatalen Menschenansammlung befand, dies aber glücklicherweise zumindest ohne größere körperliche Schäden überstanden hat. Dieser kommt komplett ohne Bilder aus, hat mich persönlich aber mehr mitgenommen als die kritisierten Bilder von Spiegel TV (was nicht heißen soll, dass ich ihn nicht für lesenswert hielte, im Gegenteil, nur ist er halt keine leichte Kost), auf die Art der Informationsübermittlung kommt es also auch nicht unbedingt an…

Wo fangen jetzt wirklich Dinge an, die man nicht mehr zeigen sollte? Für manche mag das schon bei Bildern von toten oder geschädigten Tieren (man denke da an diverse Bilder oder Videos im Zusammenhang mit der Ölpest im Golf von Mexiko – ich hatte vor einiger Zeit selbst den Link zu einem davon getwittert, in dem Menschen vorkommen, das natürlich nicht schön anzusehen ist, aber dennoch vermutlich noch längst nicht die schlimmsten Ereignisse in diesem Kontext wiedergibt) anfangen, für andere, sobald Menschen involviert sind, für wieder andere bei Schwerverletzten.
Ich persönlich halte die Wahrung der Anonymität für ein absolutes Muss (außer bei irgendwelchen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte), und es sollte nichts über das hinausgehen, was dem – ggfs. auch schockierenden – Vermitteln der Ereignisse dient; eine Splatterfilm-artige Sensationslust sollte natürlich nicht befriedigt werden, aber Katastrophen und deren Folgen sind nun mal keine heile Welt, und auch nur ansatzweise den Eindruck entstehen zu lassen, es sei alles doch nicht ganz so schlimm, indem man aus welchen Gründen auch immer auf schockierende Bilder oder Informationen verzichtet, wäre in meinen Augen auch falsch. Und ich würde den Spiegel TV-Machern in diesem Fall nicht unterstellen wollen, die besagten Szenen nur aufgenommen haben, um irgendwelche Sensationslust zu befriedigen oder die Opfer vorführen zu wollen. Daher halte ich die dort gezeigten Bilder zwar im Grenzbereich, aber durchaus noch im Rahmen des vertretbaren, auch wenn ich auch die Bedenken von Leuten nachvollziehen kann, die das anders sehen.

Dennoch hätte ich auch nichts dagegen, wenn sich der Deutsche Presserat – wie von einigen gefordert – mit dem zitierten Filmbeitrag beschäftigen würde; nicht weil ich ihn selbst für unangemessen hielte oder gar hoffen würde, dass Spiegel TV hier eine Rüge ausgesprochen wird, sondern weil mich eine Stellungnahme dieser Institution zu derartigen Fragen am konkreten Beispiel durchaus interessieren würde.

Neben den bereits oben zitierten Artikeln etc. fand ich – neben diversen anderen – übrigens auch den Bericht der Medienseite DWDL sehr lesenswert, der einen Einblick in diverse Aspekte der Berichterstattung zum Thema Loveparade-Desaster bietet.

Andere Ansichten fand ich schlicht unakzeptabel, wie zum Beispiel diesen Tweet, die Ergüsse der ehemaligen Nachrichtensprecherin Eva Herman, die gar von einer „höheren Macht“ sprach, die hier gegen die angeblich unerträglichen Zustände vorgegangen sei, oder das mittlerweile vom Netz genommene Forum Elternhilfe, aber auch eine Person aus dem Spiegel TV-Bericht, die den Opfern bescheinigte, selbst schuld zu sein. Und solche Ansichten – wohlgemerkt die Ansichten selbst, nicht das Berichten anderer darüber –  haben mich viel mehr gestört als ein paar – sicherlich schreckliche – Bilder, auch wenn es sich bei den Urhebern dieser Äußerungen glücklicherweise nicht um Medien im eigentlichen Sinne handelt.

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So, 27.09.2009

Raab geentert, Linker Flashmob oder Linksruck in Deutschland?  

Filed under: Internet,non-digest,Politik,TV,Twitter,Web 2.0 von Mawan, 05:42:19 Uhr
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Nachdem das TV total Bundestagswahl-Spezial 2005 ein Ergebnis lieferte, das – worauf auch Stefan Raab selbst im Vorfeld und zu Beginn der diesjährigen Sendung wiederholt hinwies – relativ dicht am späteren tatsächlichen Wahlergebnis war, gab es diesmal eine doch recht überraschende Prognose:

Partei: Anteil:
CDU/CSU 31.5%
SPD 16.8%
FDP 14.5%
Bündnis 90 / Die Grünen 14.4%
Die Linke 16.8%

Nun wird der aufmerksame Beobachter festgestellt haben, dass die Summe dieser Zahlen zusammen 94% ergibt, es also noch 6.0% für sonstige Parteien gibt, obwohl diese bei der Sendung gar nicht zur Wahl standen – wieso eigentlich nicht, wenn man sie anschließend doch wieder einbezieht, um eine möglichst realistische Prognose zu bekommen?

Zum anderen wäre das Ergebnis doch eher etwas überraschend, wenn es denn tatsächlich so käme, da es doch von den sonstigen Prognosen deutlich abweicht.

Hier stellt sich nun die Frage nach dem Warum. Wird sich die Raab-Prognose morgen bestätigen und es gibt tatsächlich eher enttäuschende Ergebnisse für die großen und überraschend gute Ergebnisse für die kleineren Parteien, insbesondere die Linke? Oder gab es eine Aktion der Linken, um das Ergebnis etwas zu frisieren, immerhin war man laut Raab-Resultaten sogar in einigen Bundesländern stärkste Liste, auch in solchen, in denen das nicht unbedingt zu erwarten war? Oder hat hier gar sonst jemand manipuliert? Oder liegt Raab hier einfach nur durch einen dummen Zufall daneben?

Wie so gut wie alle Tagesthemen gibt es natürlich auch hierzu Diskussionen via Twitter; auch ich habe den Verdacht geäußert, dass hier Piraten ein wenig Unordnung  in die Sendung gebracht haben könnten, aus Enttäuschung oder Verärgerung darüber, dass sie im Gegensatz zu den Parteien, die die Fraktionen im aktuellen Bundestags stellen, keine Plattform in der Sendung geboten bekamen. Andere wie @Skymaker oder @Driver1503 bestritten das. Ich lade Euch herzlich zu einer Diskussion hier ein; mit 140 Zeichen erscheint mir das nicht so richtig sinnvoll…

Tja, was ist hier nun wirklich passiert? Mir kommt es jedenfalls etwas seltsam vor, wenn erst derartige Aktion diskutiert und wohl auch von zahlreichen Leuten für gut befunden wird, auch wenn sich dann eine knappe Mehrheit dagegen ausspricht (eine andere Interpretation wäre, dass sich fast zwei Drittel dafür ausgesprochen haben, bei Raab entweder für die Grünen oder die Linke abzustimmen, um mit Raab das gleiche zu tun, wie man ihm vorwirft, nämlich das Resultat zu verfälschen – wäre das eigentlich dann besser?) , dabei die Situation der Piraten noch explizit mit der der Linken vergleicht, und am Ende tatsächlich eine Prognose heraus kommt, bei der eben Grüne und Linke doch unerwartet stark abschneiden. Weiterhin glaube ich nicht, dass wirklich alle die Absage der Aktion mitbekommen haben bzw. sich ggfs. daran gehalten haben.

Wenn man bei Twitter mal nach den genannten Hashtags #EnterDenRaab oder #Wahlfälschung sucht, fällt doch auf, dass sich doch sehr viele Leute, die offenbar mindestens Sympathisanten der Piratenpartei sind (in gewisser Weise bin ich ja selbst einer)  und das den Regeln des Wahlgetwitters entsprechend mit #piraten+ zum Ausdruck bringen, sich über die seltsame Prognose freuen und nicht selten mit hämischen Kommentaren versehen. Eher zufällig entdeckt: unter den Tweets des saarländischen Listenkandidaten Marc Großjean der Piratenpartei zur aktuellen Bundestagswahl findet sich ein Eintrag, der wie folgt lautet „@TVtotal nächste mal Piraten einladen oder zur Umfrage stellen, dann müssen wir keine andere Partei kapern 🙂 #btw09 #tvtotal #piraten+“. Nun kenne ich den Herrn persönlich und kann sagen, dass er meines Wissens weder über multiple Persönlichkeiten verfügt noch normalerweise den plural majestatis zu benutzen pflegt – wer also ist hier mit „wir“ gemeint wenn nicht die Piraten (wohlgemerkt, ich spreche hier von Handlungen von „Piraten“, womit ich eine Aktion Anhänger der Piratenpartei meine und keine Aktion, die von irgendwelchen offiziellen Parteigremien beschlossen worden wäre, auch wenn selbst Jens Seipenbusch selbst seinen Unmut geäußert hat)? Auch das Blog selbst scheint doch recht eindeutig einem Piraten-Anhänger zuzuordnen zu sein.

Insofern bleibe ich also erstmal bei meiner Vermutung, dass hier schon von piratiger Seite etwas an der Raab-Prognose gedreht wurde, höre mir aber gern auch Gegenargumente an bzw. lese selbige, z. B. in Form von Kommentaren zu diesem Blogeintrag.

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Fernsehsender im Web 2.0: ProSieben zeigt, wie es geht  

Filed under: non-digest,TV,Twitter,Web 2.0 von Mawan, 03:16:38 Uhr
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Seit dem Bekanntwerden von Diensten wie Twitter gibt es natürlich auch viele Firmen, Unternehmen und auch Fernsehsender, die das Web 2.0 für sich entdeckt haben.

Leider sind die Resultate durchaus unterschiedlich: während diverse Sender bei Twitter noch gar nicht vertreten sind, haben andere zwar Accounts, nutzen diese aber nur, um in – teilweise in doch recht großen Intervallen – mehr oder weniger interessante Tweets – die Verlinkung ist nur eins von vielen Beispiel – abzusetzen, vielleicht teilweise auch automatisiert.

Eine rühmliche Ausnahme ist hier ProSieben: während diverser Sendungen ist hier eine echte Diskussion möglich: @ProSieben liest mit und kommentiert, was bei Twitter so geschrieben wird, beantwortet Fragen oder reagiert sogar auf Wünsche und Anregungen, teilweise auch durchaus etwas ironisch. So verbindet man sinnvoll Fernsehen und Internet, interaktives Fernsehen vom feinsten. 🙂 Während man bei den anderen eher den Eindruck hat, hier hätte man allenfalls mal einen Praktikanten zeitweise ran gesetzt, weil man irgendwann mal gehört hat, dass Twitter jetzt cool sein, zeigt ProSieben, dass man verstanden hat, was man wirklich aus solchen Medien machen kann.

Offenbar gibt es auch eigene Twitter-Accounts für manche Sendungen, z.B. haben @TVtotal und @POPSTARS_2009 (ok, letzter interessiert mich jetzt nicht so brennend… ;-)) einen eigenen. Muss mal rausfinden, was es da sonst noch so gibt…

[Update (27.09.2009): Sonntag Mittag, wenige Stunden nach meinem Blogeintrag und einer Twitter-Anfrage an ProSieben: Die Antwort ist da: es gibt momentan keine weiteren offiziellen Accounts.]

Danke Leute, macht weiter so!

Und vielleicht gibt es sowas irgendwann auch mal bei anderen Sendern; die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt.

[Update (27.098.2009): Es scheint aber noch mindestens  eine weitere Ausnahme zu geben, vgl. Kommentar 1)]

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