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So, 07.03.2010

Die alten Männer und die Technik – FIFA weiter gegen technische Hilfsmittel bei Fußballspielen  

Filed under: Fußball,non-digest,Sport von Mawan, 16:10:06 Uhr
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Am gestrigen Samstag tagte mal wieder das „International Football Association Board„, kurz IFAB. Dieses Gremium setzt sich aus je vier Vertretern des Weltfußballverbands FIFA sowie der nationalen britischen Fußballverbände zusammen und ist für etwaige Änderungen der internationalen Fußballregeln (die meist auch für nationale Wettbewerbe verbindlich sind) zuständig.
Diese Institution existiert seit 1882 und scheint sich seitdem leider nicht wesentlich geändert zu haben:

Es wurde (wenn auch wenig überraschend) beschlossen, dass auch in Zukunft bei Fußballspielen keine technischen Hilfsmittel eingesetzt werden dürfen, die den Schiedsrichtern ihre Arbeit bzgl. Torentscheidungen erleichtern könnten – konkret ging es um elektronische Chips in Bällen oder Torkameras, mit denen besser beurteilt werden kann, ob ein Ball nun die Torlinie mit vollem Umfang überschritten hat oder nicht.
Die wesentlichen Argumente sind die gleichen wie schon in der Vergangenheit: man wolle „die menschliche Seite des Fußballs“ (zu der eben auch Fehlentscheidungen gehören) erhalten und Unterbrechungen des Spiels vermeiden.

Natürlich wird ein Teil der Schiedsrichter-Entscheidungen (z.B. „Foul oder nicht Foul“ zu einem gewissen Grad subjektiv bleiben und nicht einfach durch irgendwelche Technik geregelt werden können, und natürlich gehört auch das irgendwie dazu; es gibt ja auch keine perfekten Spieler, die nie Fehler machen.
Aber ist das wirklich ein Grund, auf eindeutige Entscheidungen an Stellen zu verzichten, an denen sie machbar wäre? Man gibt es ja auch nicht auf, Fouls zu ahnden, nur weil man nicht 100% aller Fälle abdecken kann. Und schließlich geht es im internationalen Fußball teilweise auch um Titel und viele Gelder aus Prämienzahlungen sowie Fernseh- und Werbeeinnahmen, über das u. U. auch ein einzelnes zu Unrecht gegebenes oder nicht gegebenes Tor entscheiden kann. Auch die Tatsache, dass sich Fehlentscheidungen im Laufe der Zeit ausgleichen können, ist da manchmal nur ein schwacher Trost für die benachteiligte Mannschaft, erst recht bei K.O.-Spielen.
Was die Unterbrechungen angeht, ist das im Falle der Technik bzgl. Torentscheidungen auch nicht wirklich ein Argument: die Anzeige der entsprechenden Instrumente könnte z.B. der Vierte Offizielle im Auge behalten und per Funk (diese Technik wird ja bereits eingesetzt) den Schiedsrichter über etwaige Fehlentscheidungen informieren: erkennt dieser zu Unrecht auf Tor, ist das Spiel ohnehin schon unterbrochen, und erkennt er zu Unrecht ein Tor nicht an, schadet die Unterbrechung auch nicht wirklich, da das Spiel nach Korrektur der Entscheidung ohnehin mit einem Anstoß im Mittelkreis fortgesetzt werden sollte…

Um eine Beurteilung aller möglichen Spielszenen und sich möglicherweise daraus ergebender Unterbrechungen ging es ja gar nicht; das wäre dann in der Tat eine Innovation, die nicht nur Vorteile mit sich brächte.
Allerdings gefällt mir persönlich diesbezüglich das System beim American Football sehr gut: die Cheftrainer der Teams haben die Möglichkeit, zwei Mal pro Spiel offiziell gegen eine Schiedsrichterentscheidung zu protestieren, woraufhin diese von den Unparteiischen per Videobeweis überprüft wird. Stellt sich heraus, dass der Protest berechtigt war, wird die Entscheidung korrigiert und das Team bekommt diesen Einspruch nicht auf das Gesamtkontingent angerechnet; wird der Protest zurückgewiesen, verliert das Team eine Auszeit. So ist gewährleistet, dass einerseits Fehlentscheidungen umgehend korrigiert werden können, aber andererseits nicht einfach mal auf gut Glück protestiert wird und es ständig Überprüfungen geben muss.
Natürlich ist das nicht 1:1 auf den Fußball übertragbar: erstens käme es hier wirklich zu zusätzlichen Unterbrechungen (die beim American Football ohnehin vorhanden sind) – wenn auch nicht beliebig vielen, zweitens könnte man Entscheidungen nicht immer problemlos korrigieren (nach einem zu Unrecht erfolgtem Abseitspfiff kann man ja dann nicht einfach alle Spieler wieder auf ihre ursprünglichen Positionen beordern und weiterspielen lassen), und Auszeiten, die man verlieren könnte, gibt es auch nicht.
Dennoch ist das in meinen Augen ein interessanter Ansatz, den man eher weiterverfolgen sollte als sich weiterhin allen mittlerweile – teilweise auch problemlos – möglichen Änderungen zu verschließen. Die Tatsache, dass die Fußballregeln im wesentlichen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammen und es nicht unbedingt wünschenswert  ist, gleich alles über den Haufen zu werfen oder jährlich neue Regeln zu etablieren wie in der Formel 1, heißt ja nicht, dass man keine neuen Möglichkeiten nutzen sollte.

Interessant wäre die Frage, ob die Herren Funktionäre zu ihrer Sitzung auch in guter Tradition per Segelschiff und Pferdekutsche angereist sind oder ob sie wenigstens dort die Vorteile moderner Technik erkannt haben.
Man sollte wohl froh sein, dass immerhin der Einsatz aktueller Rasenmäher erlaubt bleibt, schließlich hat man früher das Gras auch mit der Hand geschnitten.

Wie sagte Schalke-Trainer Felix Magath neulich, nachdem zu Unrecht ein Tor seiner Mannschaft nicht anerkannt wurde: „So lange Amateure über Profis bestimmen, müssen wir damit leben“.
Recht hat er. Leider.

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